Ein Schachwochenende zum Vergessen

Da hätte ich wohl am Samstag dem Turniersaal fern bleiben sollen. Erst habe ich eine voll überlegene Stellung (Fritz gibt 2.2 Punkte bei sogar einem Minusbauer an !) durch ein übersehenes Zwischenschach weggeschmissen und dann vor lauter Ärger im Bauch auch noch die zweite Partie hinterher.

Also bleibt noch etwas Zeit, um Prag noch mehr zu erkunden.

Prag-Karolinental (oder Prag 8 -Karlin) ist ein alter Arbeitervorort. Nach 1990 und vor allem nach dem Hochwasser von 2002 hat man hier viel saniert. Breite Straßen ( eigentlich viel Platz für Hundekot, aber den Vierbeinern ist es wohl zu kalt) mit fast auschließlich sehr schönen Bürgerhäusern und öffentlichen Gebäuden, zwischendurch Büroklopper oder ganze Bürokomplexe, viele Geschäfte und auch Parks ,vermitteln einen angenehmen Eindruck.

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Ab und zu kommt einem schon mal auf offener Straße ein Freischwimmer entgegen. Das kann man aber anders als die Niederlagen im Schach auch bei Frost ertragen.

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Sehr interessant ist die Geschichte des Invalidenhauses. Hier hat ein verkrüppelter Italienischer Offizier ursprünglich eine Unterkunft für bis zu 4000  Verwundete der vielen Kriege im 18. /19. Jahrhundert errichten wollen .Gereicht hat das Geld nur für einen Komplex, in dem schlußendlich über 1000 Menschen wohnten -verwundete Offiziere und Soldaten, zum Teil mit Familien. Eingebunden waren Geschäfte, Werkstätten, auch eine Schule. Jetzt beherbergt der Gebäudekomplex das Armeearchiv.

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Am Freitag habe ich es auch endlich mal  ins Marionetten-Theater geschafft. „Don Giovanni“ in italienischer Sprache ohne Untertitel ! Ich war nahe am  Mitsingen ! Dann hätte ich mich noch mehr vom ausschließlich asiatischem Publikum abgehoben.

Auch die zwei Friedhöfe im Stadtteil Ziskov, der Neue Jüdische und der  Olsany-Friedhof mit über 1 Million Gräbern, waren zum ersten Mal meine Ziele. Auf dem ersteren liegt Kafka begraben und auf dem anderen findet man das Urnengrab des ersten kommunistischen Präsidenten der Tschechen und Slowaken: Gottwald. Der arme Junge verstarb, nachdem er sich auf Stalins Begräbnis verkühlt hatte. Zu allem Überfluß hatte man ihn auch noch falsch einbalsamiert, so dass man ihn nur wenige Jahre im Nationaldenkmal, neben dem Ziskov- Reiterstandbild, zur Schau stellen konnte.

Traditionell am Sonntag Punkt 10:00 Uhr habe ich mich im Schwarzen Ochsen eingefunden. 2 Stunden „Typen gucken“ bei frischem Großpopowitzer. Es ist schon erstaunlich. Diese Bierschwemme steht in jedem Reiseführer. Touristen sucht man aber vergeblich.  Man trifft nur das böhmische Stammpublikum aus dem Burgviertel. Früher war das anders. Immer brechend voll ( das Lokal!), mußte man mitunter sein Gezapftes auf der Straße trinken.

Ursache ist eine Übereinkunft zwischen den Betreibern und dem ehemaligen Präsidenten Havel nach 1990, dass die Kneipe nicht „wegsaniert“ wird, sie dagegen auf Reklame nach außen verzichtet und mit dem Gewinn eine naheliegendes Blindenheim unterstützt. So sitzt man  im Warmen und sieht mit Schadenfreude Unmengen durstiger Touristen vorbeilaufen und vergißt nebenbei diesen blöd gelaufenen Samstag.

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